Neujahrsempfang 2017

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Jahresempfang der Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde

„Wir wollen guten Mutes sein“

Von Manfred Eickhölter

Am Sonnabend, den 21. Januar 2017, jährte sich zum 135. Mal der Tag, an dem in Lübeck eine Gesellschaft für Geographie gegründet wurde. 13 Jahre später, 1893, eröffnete im neugeschaffenen Museum am Dom die erste Dauerausstellung für Exponate der Völkerkunde ihre Tore. Dieses Datum feiert 2018 die 125. Wiederkehr. Ob sich bis dahin für Sammlung und Museumsbetrieb der Völkerkunde-Sammlung etwas zum Guten entwickelt haben wird, war zentrales Thema der Diskussionen und Gespräche beim traditionellen Jahresempfang.

Frau Professor Renate Kastorff-Viehmann begrüßte im Kreis der Gäste Stadtpräsidentin Schopenhauer, den Vorsitzenden der SPD-Bürgerschaftsfraktion Jan Lindenau sowie zahlreiche Mitglieder aus Parteien, Verbänden und wissenschaftlichen Gesellschaften: Peter Petereit und Hans Müller (SPD), Monika Schedel und Steffi Göhler (Grüne), Dr. Jutta Sczakiel (Frau und Kultur), (…) Kaiser (…), Antje Peters-Hirt (Gemeinnützige), Doris Mührenberg (Archäologische Gesellschaft) und Prof. Dr. Graßmann (Verein für Geschichte und Altertumskunde).

Jahresrückblick 2016

Der Jahresrückblick von Frau Professor Kastorff-Viehmann fiel im Tone verhalten aus. Zwar sei es gelungen, mit der Fachtagung im März 2016 zu einem möglichen Standort von Völkerkundeobjekten im Holstentor (Lübecks Tor zur Welt) erhöhte Aufmerksamkeit zu erzielen. Auch habe die kulturwissenschaftlich bedeutende Ausstellung im St. Annen-Museum zur Heiligenverehrung im Alltagsleben in Ghana (Aklama) bundesweit mediale Beachtung gefunden (ausführliche Beiträge erschienen in der ZEIT und in der FAZ). Dennoch bleibe für sie der Eindruck, es herrsche derzeit eine Art Stillstand.

Erfreut zeigte sich die Vorsitzende der Gesellschaft über den Beschluss der Bürgerschaft im Januar 2016, den Stammsitz der Völkerkunde im Zeughaus erst dann aufzugeben, wenn ein geeigneter neuer Standort gefunden ist. Ausdrücklich dankte Frau Kastorff-Viehmann in diesem Zusammenhang den Politikern von SPD und Grünen, die den Bürgerschaftsantrag auf den Weg gebracht hatten.

Deutlich wurde in Kastorff-Viehmanns Ausführungen, dass die derzeitige Unterbringung der Sammlung im Zeughaus keine Sammlungserweiterung zulässt. Momentan könnten drei größere Sammlungen erworben werden, aber es fehle an ausreichendem Platz. Zum anderen möchten Sammler ihre Objekte in guten, sicheren Händen wissen. Es fehle aber an Gewährleistung. Angedeutet wurde auch, dass es Restaurierungsbedarf gibt bei etlichen der 28.000 Sammlungsstücke. Die Gesellschaft denkt deshalb darüber, nach, wie Fördermodelle zur Finanzierung der Restaurierung von Einzelobjekten aussehen könnten. Im Gespräch ist dabei auch die Gründung einer Stiftung.

Diskussion und Gespräch

An den Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Jan Lindenau entwarf ein freundlicheres Bild von der Lage der Völkerkunde-Sammlung. Dem Ziel, ein baulich-räumliches Gesamtprojekt am Holstentor und den beiden Bundesbankgebäuden in dessen Nachbarschaft zu realisieren, sei man inzwischen näher gekommen. Bis zum Frühjahr soll ein Verkehrswertgutachten vorliegen. Von Seiten der Bundesbank gibt es die Zusage, dass auch ein länger währender Entscheidungsprozess in der Stadt über das „ob“ und „wofür“ die Preisforderung nicht unkalkulierbar machen werde.

Die Gebäude selbst, so Lindenau weiter, eigneten sich für die Vorhaben „Schauarchiv“ und „Wissensspeicher“ sehr gut. Der bauliche Zustand des „alten“ Hauses aus dem Jahre 1936 werde von der Bauverwaltung als außergewöhnlich gut eingeschätzt. Das gelte insbesondere auch für Keller und Dach. Die Bundesbank habe das teilweise unter Denkmalschutz stehende Gebäude mit durchschnittlich 300.000 Euro pro Jahr instandgehalten.

Lindenau ist über das Potential des jüngeren Geldspeichergebäudes besonders erfreut. Erste Urteile, wonach das Platzangebot nicht ausreichend sei für alles Archivgut der Stadt, gelte nur dann, wenn der künftige „Wissensspeicher“ als Depot beispielsweise für Sozialamtsakten oder für die Korrespondenz der Bürgermeisterkanzlei genutzt werden soll.

Vorstellungen über die Höhe des Kaufpreises gebe es auch. Die Stadt sei bereit gewesen, ca. 7 Millionen Euro für den Erwerb und Umbau des Praktiker-Marktes in der Straße Hinter den Kirschkaten zu zahlen. An dieser Summe, so Lindenau, könne man sich gut orientieren.

Die Frage, wie man das Holstentor und die beiden Bankgebäude zukünftig inhaltlich auch für die Völkerkunde nutze für Kulturgutpräsentationen, sei eine Sache des späteren „Feintunings“. Das erste Ziel sei, das 2018/19 frei werdenden Bankgebäude zu erwerben. Lindenau wörtlich: „Wir wollen die vorhandenen Räume in die Stadt zurückholen.“

(Es darf an dieser Stelle daran erinnert werden, dass Kultursenatorin Weiher das Ziel formuliert hat, das Holstentor und das angrenzende Platzareal zu einem Zentrum der interkulturellen Begegnung zu entwickeln.)

Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde im breiten Konsens angemahnt, die demnächst anstehende Verabschiedung von Frau Dr. Templin als Leiterin der Völkerkunde-Sammlung nicht zu verbinden mit einer mehrjährigen Wiederbesetzungsverzögerung der Leitungsstelle. Deutlichen Unmut äußerten Antje Peters-Hirt und weitere Gäste darüber, dass die Leitung der Kulturstiftung das Anliegen der Völkerkunde beständig hinan setze: das Buddenbrookhaus komme immer zuerst.

Monika Schedel (Die Grünen) mahnte beim Vorstand der Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde an, seine Anliegen weit stärker als bisher zu vernetzen. Der Vortrag von Frau Dr. Templin am 10. Januar beim Geschichtsverein habe gezeigt, wie groß das Interesse an der Völkerkunde-Sammlung sei. Man müsse weitaus offensiver als bisher dem Vorurteil begegnen, die Sache der Völkerkunde sei einzig im Interesse eines privaten Klubs.

Zum Abschluss des Jahresempfangs überreichte Frau (..) Ehlert der Vorsitzenden der Gesellschaft ein aufmunterndes Kalenderblatt mit dem Motto: „Wir finden den Weg oder wir schaffen einen.“

Prof. Kastorff-Viehmann, die sich zuvor bitter beklagt hatte darüber, dass der Vordenker der BIRL, Manfred Finke, zwar leidenschaftlich gegen eine Präsentation von Völkerkunde-Objekten im Holstentor kämpfe, aber keinen Finger rühre für den Erhalt der Sammlung im Zeughaus, das 1985 denkmalgerecht saniert worden war, rang sich schließlich zur Verabschiedung der Gäste am Endes des Jahresempfanges den Satz ab: „Wir wollen guten Mutes sein.“

Ungekürzter Bericht vom Neujahrsempfang von unserem Mitglied Dr. Manfred Eickhölter