Restitution von Objekten der Völkerkundesammlung 10.01.2022

Zur Absicht der Kulturstiftung Lübeck, Objekte der Völkerkundesammlung zu restituieren, positioniert sich die Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde zu Lübeck im Folgenden und verweist dazu zunächst auf ihre im Herbst 2018 erschienene Broschüre mit dem Titel

Für die Lübecker Völkerkundesammlung – Für ein Forum der Kulturen der Welt.

Darin heißt es einleitend: „Viele ethnologische Museen arbeiten derzeit daran, sich neu aufzustellen. Grund dafür ist einerseits die Suche nach neuen Museumskonzepten und andererseits die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit, verbunden mit einer kritischen Auseinandersetzung mit den Exponaten und ihrer Erwerbsgeschichte. Dies betrifft auch die Lübecker Sammlung. Allgemeiner Konsens ist, diese notwendige Aufarbeitung als Chance zu begreifen, damit in weltweite Kooperationen zu treten und sich aktuellen Diskursen zu stellen.“ Das Forum der Kulturen der Welt - wie wir es uns vorstellen – ist eine dialogisch arbeitende Institution, die in engem Gesprächskontakt mit den Vertreterinnen und Vertretern der Herkunftsländer steht, die kulturelle Vielfalt in der Lübecker Stadtgesellschaft reflektiert und diese als integrative Kraft auf lokaler Ebene begreift. Ethnografische Objekte spielen dabei eine zentrale Rolle.

Diese Position hat für uns nach wie vor Geltung. Aber nachdem unser Verein über Jahre nicht nur für die Wiedereröffnung des Hauses der Völkerkunde gekämpft hat, sondern auch die Sammlung in ihrem Bestand bedrohende Ansinnen der Stadt abwehren konnte (das Verbringen des Depots auf einen Dachboden am Meesenring, den Verkauf einzelner Objekte zwecks Haushaltssanierung), würde uns eine abrupte Trennung von Sammlungsgut doch schmerzen. Gleichzeitig sehen wir die moralische Verpflichtung, dass zu Unrecht bzw. mit Gewalt oder durch Diebstahl angeeignete Objekte an die jeweilige Herkunftsgesellschaft bzw. deren Sachwalter und Sachwalterinnen zurückzugeben oder mit ihnen kompensatorische Maßnahmen (z. B. eine Entschädigung) zu vereinbaren sind. Die dabei notwendig zu führenden Gespräche bieten eine Chance für den interkulturellen Dialog.

In Lübeck stehen aktuell neben 24 Objekten aus Namibia, deren Inbesitznahme eindeutig im Zusammenhang mit kolonialer Gewaltausübung geschah, zwei zum Kulturerbe der Welt zählende Objekte aus der Sammlung Günther Tessmann zur Disposition, die mitbegründend sind für das große Ansehen der Lübecker Völkerkundesammlung. Das Restitutions-Vorhaben interpretieren wir als Auftakt zum komplexen Prozess der Dekolonialisierung der Lübecker Völkerkundesammlung – einem Arbeitsfeld, das unseres Erachtens von substantieller Forschung zur Kolonialgeschichte der Stadt zu begleiten ist. Wir hätten uns deshalb gewünscht, dass insbesondere die Vorentscheidung zur Rückgabe nach Äquatorialguinea bedächtiger getroffen worden wäre, impliziert sie doch die Neubewertung von Tessmanns Expeditionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Gabun, Äquatorialguinea und Kamerun (bis 1919 eine deutsche Kolonie) und trifft damit einen Kernbestand der Lübecker Sammlung.

Aus Sicht der Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde steht Lübeck mit der Ankündigung von konkreten Restitutionen erst am Anfang eines Prozesses, der einerseits politisch gewollt sein muss und andererseits produktive Gespräche mit den Sachwalterinnen und Sachwaltern des kulturellen Erbes in den jeweiligen Herkunftsgesellschaften sowie eine dazu hinreichende finanzielle Ausstattung der Lübecker Kuratorinnen und Kuratoren voraussetzt. 

Sex und Vorurteil

Mit dieser Ausstellung bietet die Völkerkundesammlung einen Beitrag zu den Gender-Debatten, die unsere Gesellschaft derzeit polarisieren. Mit Beispielen aus Europa, Afrika und Asien wollen wir den vielfältigen Bedeutungen von Sexualität und Geschlechterrollen nachspüren und zu Vergleichen mit unserer eigenen Kultur anregen. Die Tatsache etwa, dass es seit Jahrhunderten in allen Erdteilen Vorstellungen von Geschlechterrollenwechseln gibt, mag unsere Debatten weniger neu und singulär erscheinen lassen.

Ebenso beschäftigen uns Vorurteile und Klischeebilder wie das der „sinnlichen Asiatin“ oder des „gut bestückten“ Afrikaners. Auf der Suche nach den Wurzeln dieser Stereotype stoßen wir auf historische Reiseberichte und die europäische Kunst des Orientalismus.

Vorurteile spiegeln sich auch in Exponaten der Völker-kundesammlung wider, die als „erotische Kunst“ gelten, obwohl sie in den Ursprungskulturen ganz andere religiöse und politische Themen repräsentieren. Zudem entpuppen sich viele dieser Werke bei unseren Recherchen als Exportwaren für den europäischen Kunstmarkt. Sie sind somit Zeugnisse der Globalisierung, die ebenso viel über uns und unsere Vorurteile erzählen, wie über die Kulturen, aus denen sie stammen.